Blog

Nicht jede Schlacht lohnt sich

Lesezeit 5 min
PDF herunterladen

Sprache

PDF herunterladen PDF · 345 kB · 4 Seiten

A4 mit Titelblatt und Impressum – zum Drucken oder Weiterleiten.

Einer der wichtigsten Sätze, die Ihnen ein Anwalt sagen kann, lautet: „Führen Sie diesen Streit nicht.“

Nicht, weil Sie nicht recht hätten. Vielleicht haben Sie recht. Aber Wahrheit ist im Recht eine viel kompliziertere Kategorie, als die meisten Menschen denken, und selbst wenn Sie recht haben, folgt daraus noch nicht, dass es sich lohnt, es durchzusetzen.

Wahrheit ist subjektiv, bis jemand sie objektiviert

Die meisten Mandanten kommen mit der Überzeugung, im Recht zu sein, und aus ihrer Sicht sind sie es meist auch. Das Problem ist, dass die Gegenseite mit genau derselben Überzeugung kommt.

Das meine ich nicht zynisch. So funktioniert das Rechtssystem nun einmal.

Das Recht arbeitet nicht mit „Wahrheit“ in dem Sinn, wie wir sie im Alltag verstehen. Es arbeitet mit dem, was sich beweisen lässt: was in den Dokumenten steht, was Zeugen bestätigen und was sich aus weiteren Beweisen ergibt. Und zwischen dem, was Sie wissen, und dem, was Sie vor Gericht beweisen können, liegt oft eine Kluft.

Objektiviert wird die Wahrheit im Recht erst durch das Urteil. Der Richter ist aber auch nur ein Mensch. Er liest die Akte, hört die Zeugen, würdigt die Beweise und entscheidet nach dem Sachverhalt, den er aus den vorgelegten Beweisen feststellt (§ 153 Abs. 1 der tschechischen Zivilprozessordnung). Was sich nicht beweisen lässt, ist für das Gericht so, als wäre es nie geschehen.

Daran lässt sich nichts ändern. Das Recht ist ein pragmatisches Werkzeug zur Konfliktlösung und kann nicht nach absoluter Wahrheit suchen.

Die Ökonomie eines Rechtsstreits

Ein Mandant kommt. Ein Schuldner hat ihm dreihunderttausend Kronen (rund 12 000 Euro) nicht bezahlt. Der Vertrag ist eindeutig, die Rechnung überfällig, die Mahnungen verschickt. Ein rechtlich klarer Fall.

Ich frage: „Wie viel sind Sie bereit zu investieren, um dieses Geld zurückzubekommen?“

Über diese Frage haben viele Mandanten nie nachgedacht. Sie gehen davon aus, dass das Recht automatisch funktioniert: Sie reichen Klage ein, das Gericht entscheidet, und das Geld kommt. So einfach ist es aber nicht.

Sie zahlen die Gerichtsgebühr und die anwaltliche Vertretung. Sie verbringen Zeit in Verhandlungen statt bei der Arbeit. Vielleicht brauchen Sie ein Sachverständigengutachten. Verliert die Gegenseite und ist nicht einverstanden, folgt die Berufung, und reicht das Urteil allein nicht, die Zwangsvollstreckung. Und dann ist da das reale Risiko, dass der Schuldner nichts hat, womit er zahlen könnte, und Sie am Ende ein rechtskräftiges Urteil besitzen, das Ihnen das Dach nicht repariert.

Zugegeben: Wenn Sie gewinnen, spricht Ihnen das Gericht die Verfahrenskosten zu (§ 142 Abs. 1 der Zivilprozessordnung). Bei einer Leistungsklage, etwa auf Zahlung, allerdings in der Regel nur dann, wenn Sie dem Schuldner mindestens sieben Tage vor Klageerhebung eine Aufforderung zur Leistung geschickt haben (§ 142a). Die Kostenerstattung deckt Ihre Zeit nicht und muss nicht dem Honorar entsprechen, das Sie Ihrem Anwalt tatsächlich zahlen. Verlieren Sie, tragen Sie auch die Kosten der Gegenseite. Vor allem aber müssen Sie die Erstattung beim Schuldner genauso eintreiben wie die Forderung selbst, und wenn er nichts hat, bekommen Sie nichts zurück.

Manchmal ist die Antwort klar: Ja, kämpfen Sie. Der Betrag ist hoch, die Beweise sind stark, die Gegenseite ist zahlungsfähig. Manchmal aber, und das sage ich ganz offen, lautet die Antwort Nein. Einigen Sie sich auf fünfzig Prozent und machen Sie weiter, oder lassen Sie die Sache ganz fallen. Was Sie Ihr Anwalt kostet und wie viel Ihnen das Gericht erstattet, habe ich ausführlich in Anwaltskosten im Gerichtsverfahren beschrieben. Und vergessen Sie nicht, dass bei manchen Ansprüchen inzwischen die Verjährungsfrist ablaufen kann, was die Rechnung völlig umkehrt.

Schlachtfelder, die man räumen sollte

Bei manchen Streitigkeiten ist die beste Strategie, nicht zu kämpfen. Dann lohnt es sich oft, statt eines klassischen Gerichtsverfahrens Mediation oder ein anderes Forum zu erwägen.

Typischerweise, wenn die Gegenseite finanziell stärker ist und Sie prozessual zermürben will. Wenn Ihre Beweise schwächer sind, als Sie denken. Oder wenn die Beziehung zur Gegenseite wichtiger ist als der Streitgegenstand, etwa bei einem Geschäftspartner, mit dem Sie auch danach zusammenarbeiten werden.

Und auch, wenn der Sieg so fern und so teuer ist, dass er selbst bei einer hundertprozentigen Erfolgschance wirtschaftlich keinen Sinn ergibt. Eine solche Chance gibt es im Recht ohnehin nicht.

Das Schlachtfeld zu räumen ist eine strategische Entscheidung. Wie im Schach opfert man manchmal eine Figur, um eine Stellung zu gewinnen.

Warum Ihr Anwalt Ihnen das nicht sagt

Ich sage es geradeheraus: Die meisten Anwälte haben keinen wirtschaftlichen Anreiz, Ihnen eine Klage auszureden. Jede Klage bedeutet Arbeit, jede Verhandlung eine Rechnung und jede Berufung weitere Stunden.

Ich will damit nicht sagen, dass Anwälte unehrlich sind. Das System ist aber so eingerichtet, dass die Austragung eines Streits mehr einbringt als seine Vermeidung. Wenn ein Anwalt sich diesen Interessenkonflikt nicht eingesteht, sagt er leicht reflexhaft „ja, wir klagen“, weil der Mandant das hören will und weil es Arbeit bringt.

Wir machen es anders. Wenn Sie mit einem Streit zu uns kommen, hören Sie von uns als Erstes: „Schauen wir uns an, ob es sich lohnt, diesen Streit zu führen.“

Recht als pragmatisches System

Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe. Recht ist ein Regelwerk, mit dem die Gesellschaft Konflikte löst. Manchmal führen diese Regeln zu einem gerechten Ergebnis, manchmal nicht. Und fast immer zu einem Ergebnis, das teurer und langsamer ist, als beide Seiten es sich wünschen würden.

Bevor Sie sich auf einen Streit einlassen, versuchen Sie, drei Fragen zu beantworten:

Was kostet mich der Streit, selbst wenn ich gewinne? Wie realistisch ist es, dass ich beweisen kann, was ich behaupte? Und bekomme ich mit dem Sieg wirklich, was ich will?

Wenn Sie die Antworten beunruhigen, ist es Zeit, mit jemandem zu sprechen, der Ihnen die Wahrheit sagt, auch wenn Sie sie nicht hören wollen.

Zum Schluss

Der Anwalt, den Sie beauftragen, soll nicht um jeden Preis kämpfen. Er soll Ihnen helfen zu entscheiden, welche Schlachten sich lohnen und welche nicht.

Manchmal ist der beste Rechtsrat der, für den Sie keine einzige Krone extra zahlen: „Lassen Sie es.“ Wenn Sie sich trotzdem für den Streit entscheiden, sehen Sie sich noch an, was Sie im Zivilprozess verlangen können und müssen. Prozessuale Hygiene entscheidet oft mehr als die Sache selbst. Warum manche Schlachten eher mit Psychologie und Verhandlung als mit Paragraphen gewonnen werden (BATNA, Anker, versunkene Kosten), erkläre ich in Paragraphen sind nur das Fundament: Psychologie und Taktik im Rechtsstreit. Gründe, nicht zu kämpfen, gibt es übrigens mehrere. Manchmal ist die Gegenseite irrational, und kein vernünftiger Zug beendet das Spiel; darüber schreibe ich in Mit Terroristen verhandelt man nicht. Ein anderes Mal spielen Sie das falsche Spiel, etwa Monopoly, wo Sie Schach vermuten; dazu Schach, Poker, Monopoly und Mensch ärgere Dich nicht. Und manchmal ist das Problem gar kein juristisches, und Sie brauchen einen anderen Profi; siehe Der Anwalt als Illusionist.

Brauchen Sie eine zweite Meinung, ob Sie einen Streit beginnen oder lieber beenden sollen? In unserer Streitbeilegungspraxis bewerten wir Aussichten, Kosten und Risiken offen, bevor Sie Klage erheben. Nehmen Sie Kontakt auf.

Häufige Fragen

Lohnt es sich, einen Schuldner zu verklagen, wenn ich einen klaren Vertrag und eine überfällige Rechnung habe?

Nicht immer. Es hängt von der Höhe des Betrags, der Stärke der Beweise und davon ab, ob der Schuldner zahlungsfähig ist. Sonst stehen Sie am Ende mit einem rechtskräftigen Urteil da, aus dem Sie nichts bekommen.

Warum sagt mir mein Anwalt nicht selbst, dass sich der Streit nicht lohnt?

Weil die meisten Anwälte keinen wirtschaftlichen Anreiz dazu haben: Jede Klage, jede Verhandlung und jede Berufung bedeutet mehr Arbeit und eine weitere Rechnung. Ein Anwalt, der sich diesen Interessenkonflikt nicht eingesteht, empfiehlt leicht reflexhaft eine Klage.

Was tun, wenn sich ein Streit nicht lohnt?

Erwägen Sie einen Vergleich, etwa bei fünfzig Prozent des Betrags, eine Mediation oder ein anderes Forum oder den völligen Verzicht auf den Anspruch. Das Schlachtfeld zu räumen ist eine strategische Entscheidung.

Gibt es vor Gericht eine hundertprozentige Erfolgschance?

Nein. Eine hundertprozentige Erfolgschance gibt es im Recht nicht. Das Gericht entscheidet nach dem, was die Parteien vortragen und beweisen, und zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was sich vor Gericht belegen lässt, liegt oft eine Kluft.

Kann die Verjährung die Entscheidung beeinflussen, ob man klagt?

Ja. Bei manchen Ansprüchen kann inzwischen die Verjährungsfrist ablaufen, was die ganze Rechnung umkehrt.

Stehen Sie vor einer Situation, die
die richtige rechtliche Lösung erfordert?

Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns. Im ersten Gespräch geht es immer darum, Ihre Situation zu verstehen, nicht darum, etwas zu verkaufen.

  • 10–15 Minuten · kostenlos
  • Preis im Voraus
  • Unverbindlich

Unsere Rechtsdienstleistungen unterliegen unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen, sofern nicht anders vereinbart.